Schicksal

Ein Schicksal das traurig macht

Wilhelm Schwenderling war erst 8 Jahre alt, als er 1940 von den Nationalsozialisten von seiner Familie getrennt wurde. Der geistig behinderte Junge starb drei Jahre später. Sein Schicksal bewegt nicht nur die Paten seines „Stolpersteins“, der jetzt in Herzogenrath zu seinem Gedenken verlegt wurde.

„Würde Hitler noch leben, würde er auch uns umbringen“, bewegende Worte der 16jährigen Lea. Sie leidet an einer Lernschwäche und ist Schülerin an der Roda-Schule, einer Förderschule für geistige Entwicklung in Herzogenrath.

Behutsam führte der Pädagoge Michael Gibbels die Jugendlichen der Oberberufspraxisstufe an das Thema Nationalsozialismus heran. Zunächst wurde im Unterricht das Buch „Die weiße Rose“, das das Schicksal der Geschwister Scholl erzählt, gelesen. In einer für Kinder verständlichen leichten Fassung von der Lebenshilfe in Aachen, wurde nicht nur das Interesse, sondern auch die Betroffenheit der Schüler geweckt. Dieser Eindruck wurde durch den gleichnamigen Film vertieft.

Grundlage war die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet – Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ im Centre Charlemagne

Eine weitere Grundlage mit wichtigen Informationen bot die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet – Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“, die Ende des vergangenen Jahres im Centre Charlemagne in Aachen gezeigt wurde. Die Darstellung individueller Lebensschicksale aus Aachen ermutigte Herrn Gibbels dazu, auch in Herzogenrath zu recherchieren. Tatsächlich stieß er auf den Namen Wilhelm Schwenderling, mit dem Geburtsort Herzogenrath. Mit Hilfe eines engagierten Vaters und der Stadt Herzogenrath konnte schließlich der tragische und kurze Lebensweg von Wilhelm nachvollzogen werden. „Seine Geschichte war für die Kinder die Initialzündung für ihn einen Stolperstein zu verlegen und hierfür die Patenschaft zu übernehmen“, so Gibbels.

Auch der 15jährige Tobias, ebenfalls Schüler der Roda-Schule, ist erschüttert: „Ich war furchtbar traurig als ich hörte, was Wilhelm passiert ist. Ich fand die Idee mit dem Stolperstein toll und ich freue mich, dass ich ihn mit verlegen durfte. Ich wollte unbedingt mithelfen!“

Viele Schülerinnen und Schüler der Roda-Schule begleiteten die Stolpersteinverlegung vor dem damaligen Wohnhaus Wilhelms in der Bierstraße 70. Der Stein wurde von dem Kölner Künstler Gunter Demnig gestaltet, der nicht persönlich anwesend sein konnte. Doch Tobias und die Kollegen vom städtischen Bauhof vertraten ihn würdig und leisteten bei der Verlegung ganze Arbeit.

Bürgermeister Christoph von den Driesch: „Liebe Schülerinnen und Schüler, ich bedanke mich bei Euch ganz herzlich für Euren besonderen Einsatz. Dieser Stolperstein ist eine Erinnerung an die schrecklichen Taten des Nazi-Regimes, das viel Leid gebracht und viele Menschenleben vernichtet hat. Ich finde es erschreckend wie stark wir von menschenverachtenden Äußerungen leider auch in unserer heutigen Zeit wieder betroffen sind.“

 

Anzeichen von Rassismus zeigen sich in verschiedensten Ausprägungen.

So forderte zum Beispiel erst jüngst der türkischen Staatspräsidenten Erdogan einen Bluttest bei türkischstämmigen Abgeordneten im deutschen Parlament. Eine Forderung, die den Beginn dieser rassistischen Diskussion in der Türkei bedeuten könnte.

Bernd Krott und Dr. Hans-Joachim Helbig vom Arbeitskreis Wege gegen das Vergessen bedanken sich ebenfalls bei der Roda Schule für die hervorragende Initiative. Damit wird der 24. Stolperstein in Herzogenrath verlegt. Sie bieten allen Interessierten die Unterstützung des Arbeitskreises zu weiteren Fragen bei der Aufarbeitung der Ereignisse des Nationalsozialismus an.

Ein ganz besonderer Gast hatte sich zu der Stolpersteinverlegung an der Bierstraße eingefunden: Der Neffe von Wilhelm Schwenderling, der exakt den gleichen Namen trägt und die vollständige tragische Geschichte seines Onkels erst durch diese Aktion erfahren hat. „Ich bin sprachlos und betroffen“, so Wilhelm Schwenderling, der mit dieser Initiative auch seine Familiengeschichte erweitern konnte – wenn auch um ein Stück tragischer Geschichte, die ihn sicherlich noch nachhaltig beschäftigen wird.

Der Stolperstein für Wilhelm Schwenderling vor dem Haus in der Bierstraße 70 ist ein mahnendes Zeichen und der erste Stolperstein für einen Menschen mit geistiger Behinderung in Herzogenrath.

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